DJ-Glossar · Software & Dateien
Latenz
Auch: Latency, Audio-Latenz, Audiolatenz, Verzögerung, Ausgabelatenz
Latenz ist die Verzögerung zwischen deiner Aktion am Controller und dem hörbaren Ergebnis. Beim digitalen Auflegen bestimmt sie vor allem der Audio-Puffer.
von Mario Kernich· 7 Min. Lesezeit
Latenz ist beim digitalen Auflegen die Zeit zwischen einer Aktion und dem hörbaren Ergebnis: Du drückst Play, berührst das Jogwheel oder ziehst einen Fader – und erst ein paar Millisekunden später ändert sich der Ton. Sie entsteht, weil Software und Audio-Interface Klang in kleinen Blöcken berechnen und übertragen. Den größten Anteil bestimmt meist die eingestellte Puffergröße.
Ein wenig Latenz gibt es in jedem digitalen System. Entscheidend ist, ob sie spürbar ist. Bei einem langen Blend merkst du ein paar Millisekunden nicht. Beim Scratchen, bei Cue-Drumming auf Pads oder beim Nudgen am Jogwheel dagegen fühlt sich ein träges System an, als würde der Ton „hinterherhängen“.
Woraus sich Latenz zusammensetzt
Zwischen Bewegung und Ohr liegen mehrere Stationen:
- Controller: Er erfasst die Bewegung und schickt sie per USB – meist sehr schnell.
- Software-Puffer: Die Software berechnet Audio in Blöcken. Je größer der Block, desto länger dauert es, bis eine Änderung hörbar wird.
- Treiber und Wandler: Treiber und Digital-Analog-Wandler im Audio-Interface brauchen zusätzlich etwas Zeit.
- Luft: Schall braucht rund 3 Millisekunden pro Meter. Ein Booth-Monitor in drei Metern Entfernung addiert also knapp 9 Millisekunden.
Die Software zeigt in ihren Audio-Einstellungen meist einen Wert für die Ausgangslatenz. Er umfasst den Puffer, aber nicht immer alle anderen Stationen.
Die Rechnung hinter dem Puffer
Die Latenz eines Puffers ist leicht zu berechnen: Puffergröße in Samples geteilt durch Samplerate. 256 Samples bei 44,1 kHz ergeben 256 / 44.100 ≈ 5,8 Millisekunden. Bei 48 kHz sind es 5,3 Millisekunden.
Samplerate
Rechnung: 256 Samples ÷ 44.100 Samples pro Sekunde. Das ist die Pufferlatenz einer Richtung; Treiber und Wandler addieren je nach Interface noch etwas dazu.
| Puffer | bei 44,1 kHz | bei 48 kHz |
|---|---|---|
| 64 Samples | 1,5 ms | 1,3 ms |
| 128 Samples | 2,9 ms | 2,7 ms |
| 256 Samples | 5,8 ms | 5,3 ms |
| 512 Samples | 11,6 ms | 10,7 ms |
| 1024 Samples | 23,2 ms | 21,3 ms |
Viele DJs empfinden Werte im niedrigen einstelligen Millisekundenbereich als direkt. Wer scratcht oder Pads spielt, achtet besonders darauf. Mehr zur Einstellung unter Puffergröße.
Wie viel Latenz ist zu viel?
Wie empfindlich du auf Verzögerung reagierst, hängt davon ab, was du gerade tust:
| Situation | Empfindlichkeit |
|---|---|
| langer Blend, Fader-Übergang | gering – ein paar Millisekunden fallen nicht auf |
| Cue-Punkte und Loops im Takt starten | mittel – zu viel Latenz verschiebt den Einsatz |
| Scratching und DVS | hoch – die Platte muss sich anfühlen wie ein Instrument |
| Finger Drumming auf Pads | hoch – jeder Schlag soll sofort hörbar sein |
| Vorhören über Bluetooth | ungeeignet – die Verzögerung ist zu groß |
Roundtrip-Latenz: hin und zurück
Bisher ging es um den Weg von der Software zum Ohr. Manche Signale laufen aber erst in den Rechner und dann wieder hinaus – etwa das Timecode-Signal beim DVS, ein Mikrofon, das durch die Software läuft, oder ein externer Player, den du durch Software-Effekte schickst. Dann addieren sich Eingangs- und Ausgangspuffer sowie beide Wandler. Diese Roundtrip-Latenz ist immer größer als die reine Ausgangslatenz. Gute Audio-Interfaces geben sie in den technischen Daten an oder zeigen sie im Treiber-Panel.
Latenz prüfen
- Anzeige in der Software: Die meisten Programme zeigen den Wert neben der Puffereinstellung.
- Praxistest: Ein Pad im schnellen Rhythmus spielen oder am Jogwheel scratchen – fühlt es sich verzögert an, ist der Puffer zu groß.
- Stabilitätstest: Unter Volllast eine Stunde laufen lassen und auf Knackser achten.
Der Zielkonflikt: Latenz gegen Stabilität
Ein kleiner Puffer bedeutet wenig Latenz, aber der Rechner muss häufiger und schneller liefern. Schafft er einen Block nicht rechtzeitig, entsteht eine Lücke – hörbar als Knacken, Knistern oder kurzer Aussetzer. Ein großer Puffer ist sicher, fühlt sich aber träge an. Die richtige Einstellung ist der kleinste Puffer, bei dem dein Rechner auch unter Last stabil bleibt: zwei Decks mit Effekten, Stems und laufender Bibliotheksuche.
Latenz senken: die wichtigsten Stellschrauben
- Richtiger Treiber: Unter Windows einen ASIO-Treiber des Herstellers nutzen, nicht den allgemeinen Windows-Audioweg. Unter macOS ist Core Audio bereits auf geringe Latenz ausgelegt.
- Puffer schrittweise verkleinern, bis es knackt, dann eine Stufe zurück.
- Energieoptionen: Netzteil anschließen, Höchstleistung wählen, Stromsparfunktionen für USB deaktivieren.
- Direkt anschließen: Controller oder Interface direkt am Rechner, nicht über passive Hubs oder lange Verlängerungen.
- Hintergrundlast reduzieren: Cloud-Sync, Virenscan und andere Programme schließen. Unter Windows helfen Diagnose-Tools, Treiber zu finden, die den Rechner kurz blockieren.
- Rechenintensive Funktionen bewusst nutzen: Echtzeit-Stems und viele Effekte gleichzeitig brauchen Reserven.
Latenz, die du nicht wegstellen kannst
- Bluetooth-Kopfhörer und -Lautsprecher bringen eine Verzögerung mit, die für das Vorhören unbrauchbar ist. Nutze für das Auflegen immer kabelgebundene DJ-Kopfhörer.
- Booth-Monitor und PA liegen räumlich weit auseinander. Hörst du die große Anlage mit Verzögerung, orientiere dich am Booth-Monitor oder am Kopfhörer, nicht am Raumklang.
- DVS: Beim DVS kommt zur Audio-Latenz die Erkennung des Timecodes hinzu. Hier ist ein kleiner Puffer besonders wichtig.
- Streaming: Streaming-Tracks werden vor dem Abspielen geladen. Diese Ladezeit ist keine Latenz im engeren Sinn, kann aber den Start verzögern.
Warum Latenz beim Beatmatching kaum stört
Wenn beide Decks in derselben Software laufen, sind sie gleich stark verzögert. Ihr Verhältnis zueinander stimmt also – Beatmatching nach Gehör funktioniert unabhängig vom Puffer. Spürbar wird die Latenz bei deinen eigenen Eingriffen: Ein Nudge am Jogwheel oder ein Cue-Start kommt um den Pufferwert später an. Anders ist es, wenn du eine Quelle ohne Software, etwa einen Plattenspieler ohne Timecode, mit einem Software-Deck mischst: Dann ist das Software-Deck um seine Latenz verspätet, und du gleichst diesen Versatz mit dem Ohr aus.
Standalone-Geräte und Club-Player
Bei Standalone-Systemen und Club-Playern gibt es keine Puffereinstellung für dich. Hersteller stimmen Hardware, Betriebssystem und Software aufeinander ab und legen die Latenz fest. Deshalb fühlen sich diese Geräte oft sehr direkt an, auch beim Scratchen auf großen Jogwheels. Wer zwischen Laptop-Setup und Standalone-Gerät wechselt, merkt den Unterschied manchmal – ein Grund mehr, den Puffer am Rechner sorgfältig einzustellen.
Checkliste vor dem Gig
- Controller oder Interface direkt am Rechner, richtiger Treiber gewählt.
- Puffer auf dem getesteten Arbeitswert, nicht auf dem Minimum.
- Netzteil angeschlossen, Energiesparmodus aus.
- WLAN und Bluetooth aus, wenn du sie nicht brauchst.
- Hintergrundprogramme geschlossen, Benachrichtigungen stumm.
- Kurzer Test mit Kopfhörer und Pads, bevor du übernimmst.
Typische Fehler
- Standard-Einstellung nie geprüft: Ab Werk steht der Puffer oft auf einem sicheren, großen Wert.
- Zu klein eingestellt zu Hause, Knacken im Club: Mit mehr Effekten und Stems braucht der Rechner mehr Reserve. Teste unter Volllast.
- Lautsprecher des Laptops oder Bluetooth zum Üben: Du gewöhnst dich an eine falsche Verzögerung.
Für Einsteiger und Fortgeschrittene
Für Einsteiger: Stell einmal bewusst ein: Controller angeschlossen, richtiger Treiber, Puffer so klein, wie es ohne Knacken geht. Danach musst du dich selten wieder darum kümmern. Schreib dir den Wert auf, damit du ihn nach einem Update oder auf einem neuen Rechner schnell wieder einstellen kannst.
Für Fortgeschrittene: Teste dein Setup unter Gig-Last und notiere den Wert, der sicher läuft. Wer scratcht oder mit Timecode arbeitet, investiert in einen leistungsfähigen Rechner und ein Interface mit gutem Treiber. Passende Geräte zeigt der Audio-Interface-Finder.
Häufige Fragen zu Latenz
Was ist Latenz beim Auflegen?
Latenz ist die Verzögerung zwischen deiner Aktion am Controller und dem hörbaren Ergebnis. Sie entsteht, weil Software und Soundkarte Klang in Blöcken berechnen und übertragen. Je größer der Audio-Puffer, desto größer die Latenz. Bei gut eingestellten Systemen liegt sie im Bereich weniger Millisekunden.
Welche Latenz ist gut für DJs?
Viele DJs empfinden Werte im niedrigen einstelligen Millisekundenbereich als direkt. Für normales Mixen ist etwas mehr unkritisch. Beim Scratchen, Pad-Spiel und mit Timecode-Vinyl macht sich jede zusätzliche Millisekunde bemerkbar. Wichtiger als ein Rekordwert ist, dass das System bei deiner Einstellung stabil ohne Knacken läuft.
Warum knackt mein Sound in der DJ-Software?
Meist ist der Audio-Puffer zu klein für die aktuelle Last. Der Rechner schafft es nicht, jeden Block rechtzeitig zu liefern, und es entsteht eine kurze Lücke. Vergrößere den Puffer um eine Stufe, nutze unter Windows einen ASIO-Treiber, schalte Energiesparfunktionen ab und schließe Hintergrundprogramme.
Wie berechne ich die Latenz aus der Puffergröße?
Teile die Puffergröße in Samples durch die Samplerate. 256 Samples bei 44.100 Hz ergeben etwa 5,8 Millisekunden, 512 Samples etwa 11,6 Millisekunden. Treiber, Wandler und der Weg durch die Luft kommen noch hinzu, deshalb ist die Gesamtlatenz etwas höher als der reine Pufferwert.
Kann ich mit Bluetooth-Kopfhörern auflegen?
Zum Vorhören beim Mixen nicht sinnvoll. Bluetooth bringt eine deutliche Verzögerung mit, sodass der Kopfhörer nicht mehr zum Rest passt und Beatmatching nach Gehör scheitert. Für das Auflegen nutzt du kabelgebundene DJ-Kopfhörer. Bluetooth eignet sich höchstens zum entspannten Durchhören deiner Musik.
Warum fühlt sich mein Jogwheel verzögert an?
Meist ist der Audio-Puffer zu groß oder die Software nutzt den falschen Treiber, zum Beispiel unter Windows den allgemeinen Audioweg statt ASIO. Auch eine falsch eingestellte Jogwheel-Empfindlichkeit kann träge wirken. Verkleinere den Puffer schrittweise, wähle den Herstellertreiber und prüfe die Jogwheel-Einstellungen in der Software.