DJ-Glossar · Hardware & Setup
DVS (Digital Vinyl System)
Auch: DVS, Digital Vinyl System, Digital-Vinyl-System, Timecode-System, Timecode-Vinyl-System, Vinyl-Emulation
Ein DVS (Digital Vinyl System) steuert digitale Musik mit Timecode-Platten auf echten Plattenspielern – Vinyl-Gefühl mit der Musikbibliothek vom Laptop.
von Mario Kernich· 7 Min. Lesezeit
Ein DVS (Digital Vinyl System) verbindet Plattenspieler oder DJ-Player mit DJ-Software. Statt Musik liegt eine Timecode-Platte auf dem Teller, die ein Steuersignal enthält. Die Software liest daraus Tempo, Richtung und Position und spielt die digitale Datei genau so ab, wie du die Platte bewegst – mit echtem Vinyl-Gefühl und deiner kompletten Bibliothek.
So funktioniert ein DVS
Ein DVS besteht aus drei Teilen, die zusammen eine Schleife bilden:
- Timecode-Medium: eine Schallplatte (oder CD), auf der kein Song, sondern ein gleichmäßiges Steuersignal gepresst ist. Mehr dazu unter Timecode.
- Audio-Interface: nimmt das Signal des Plattenspielers auf, wandelt es in Daten um und schickt es an die Software. Gleichzeitig gibt es den Ton aus der Software an den Mixer zurück. Das Interface steckt entweder in einer externen Box oder – heute häufig – direkt im DJ-Mixer.
- DJ-Software: wertet das Timecode-Signal aus und steuert das zugehörige Deck. Schiebst du die Platte an, wird der Track schneller. Hältst du sie fest, stoppt er. Ziehst du sie zurück, läuft er rückwärts.
- Steuersignal
- Timecode
- Vinyl oder CD
- Verbindung
- Audio-Interface
- extern oder im Mixer
- Musikquelle
- DJ-Software auf Laptop
- Modi
- Absolut, Relativ, Intern
Der Klang kommt also nicht von der Platte, sondern aus dem Rechner. Plattenspieler und Nadel dienen nur als präzises Eingabegerät. Deshalb kannst du auf einer einzigen Timecode-Platte jeden Track deiner Bibliothek spielen – du lädst ihn einfach auf das entsprechende Deck der Software.
Was du für DVS brauchst
- Zwei Plattenspieler mit Direktantrieb, Slipmats und Tonabnehmern – oder zwei DJ-Player, die Timecode-CDs oder Timecode-Dateien abspielen.
- Timecode-Platten oder -CDs passend zur Software.
- Ein DVS-fähiges Audio-Interface: eine externe Box mit Phono-Eingängen oder ein DJ-Mixer mit eingebauter DVS-Unterstützung.
- DJ-Software mit DVS-Funktion, teils als kostenpflichtige Erweiterung oder im Abo enthalten. Verbreitet sind zum Beispiel Serato DJ Pro, Traktor Pro und rekordbox.
- Einen Laptop, der stabil und mit geringer Latenz läuft.
Wichtig ist, dass Software, Interface und Timecode zusammenpassen. Viele Mixer sind für eine bestimmte Software freigegeben, andere unterstützen mehrere.
Die drei Betriebsarten
Absolut-Modus
Die Position der Nadel auf der Platte entspricht der Position im Track. Setzt du die Nadel weiter innen auf, springt der Track an die entsprechende Stelle. Das fühlt sich exakt wie echtes Vinyl an – inklusive der Nachteile: Springt die Nadel, springt auch der Track. Cue-Punkte und Loops der Software kannst du nur eingeschränkt nutzen.
Relativ-Modus
Die Software wertet nur Tempo und Richtung aus, nicht die Position. Du kannst Hot Cues anspringen, Loops setzen und Beat Jumps nutzen, ohne dass die Nadel mitspringen muss. Springt die Nadel, läuft der Track einfach weiter. Das ist der häufigste Modus für Club- und Scratch-DJs.
Interner Modus
Die Software spielt das Deck selbst ab, der Plattenspieler hat keinen Einfluss mehr. Praktisch, wenn du einen langen Track laufen lassen, die Platte wechseln oder ein Problem mit der Nadel beheben willst.
Latenz und Einstellungen
Zwischen Bewegung der Platte und Reaktion der Software vergeht Zeit: Das Signal muss eingelesen, ausgewertet, der Ton berechnet und wieder ausgegeben werden. Bei DVS ist diese Latenz besonders spürbar, weil deine Hand direkt auf der Platte liegt. Beim Scratchen fällt schon eine kleine Verzögerung auf.
Die Latenz hängt vor allem von der Puffergröße im Audio-Setup ab. Kleiner Puffer bedeutet geringe Latenz, aber mehr Last für den Rechner und das Risiko von Knacksern.
Samplerate
Rechnung: 256 Samples ÷ 44.100 Samples pro Sekunde. Das ist die Pufferlatenz einer Richtung; Treiber und Wandler addieren je nach Interface noch etwas dazu.
Typische Einstellungen in der DVS-Software:
- Kalibrierung: Die Software misst das Timecode-Signal und passt ihre Erkennung an. Viele Programme zeigen dafür eine Kreis- oder Ringanzeige, an der du die Qualität erkennst.
- Eingangspegel: Das Signal darf weder zu leise noch übersteuert sein.
- Lead-in und Nadel-Drop: Wo auf der Platte der Track beginnt und wie die Software reagiert, wenn du die Nadel aufsetzt.
DVS einrichten: Schritt für Schritt
So läuft die Einrichtung mit einem Mixer, der DVS eingebaut hat. Mit einer externen Interface-Box ist der Ablauf ähnlich, nur sitzt die Box zwischen Plattenspielern und Mixer.
- Plattenspieler anschließen: Cinch an die Phono-Eingänge, Erdungskabel an die Erdungsklemme.
- Laptop per USB mit dem Mixer verbinden, Treiber und Software installieren.
- Eingänge umschalten: Am Mixer die Kanäle auf die USB- beziehungsweise DVS-Quelle stellen, sodass der Ton aus der Software kommt und nicht direkt vom Plattenspieler.
- DVS in der Software aktivieren und den Timecode-Typ auswählen, der auf deinen Platten ist.
- Platten auflegen und starten, dann in der Software kalibrieren und die Signalanzeige prüfen.
- Modus wählen: Für den Anfang ist der Relativ-Modus meist am angenehmsten.
- Latenz prüfen: Ein paar schnelle Bewegungen an der Platte machen. Reagiert der Ton spürbar verzögert, die Puffergröße verkleinern.
Teste das Setup immer vor dem Gig mit genau den Plattenspielern und Kabeln, die du dort nutzt.
DVS, Controller und echtes Vinyl im Vergleich
| DVS | DJ-Controller | Echtes Vinyl | |
|---|---|---|---|
| Gefühl an der Hand | echte Platte | Jogwheel | echte Platte |
| Musikquelle | digitale Bibliothek | digitale Bibliothek | Plattensammlung |
| Hot Cues, Loops, Effekte | ja (Relativ-Modus) | ja | nein |
| Abhängig von Laptop | ja | ja | nein |
| Anfälligkeit | Nadel, Rückkopplung, Interface, Laptop | Laptop, USB | Nadel, Rückkopplung |
| Typische Nutzer | Scratch-DJs, Vinyl-DJs mit digitaler Musik | Einsteiger, mobile DJs | Vinyl-Puristen |
Typische Probleme
- Verschmutzte oder verschlissene Nadel: Das Signal wird schwach, die Software verliert die Position. Nadel reinigen oder tauschen.
- Abgenutzte Timecode-Platte: Bestimmte Stellen, etwa der Anfang, werden stark beansprucht. Nutze verschiedene Bereiche der Platte und halte Ersatz bereit.
- Rückkopplung: Basslastige Boxen bringen Plattenspieler zum Schwingen, das Signal wird unruhig. Plattenspieler entkoppeln und Abstand zu den Boxen halten.
- Falscher Eingang: Plattenspieler müssen auf Phono stehen, DJ-Player auf Line.
- Erdung vergessen: Brummen und Störungen im Timecode-Signal.
- Hohe Latenz: Puffergröße prüfen, Energiesparmodus am Laptop abschalten.
Für Einsteiger und für Fortgeschrittene
Einsteiger sollten DVS nicht als ersten Schritt wählen, wenn sie nur mixen lernen wollen: Plattenspieler, Mixer und Interface kosten deutlich mehr als ein Controller, und die Fehlerquellen sind zahlreicher. Wer aber vom Scratching oder vom Vinyl-Gefühl fasziniert ist, lernt mit DVS das echte Handwerk und hat trotzdem seine digitale Musik dabei.
Fortgeschrittene nutzen DVS oft als Hybrid: Echte Platten und Timecode laufen am selben Mixer, Hot Cues und Loops kommen aus der Software, Effekte aus dem Mixer. Einige Mixer und Software-Versionen erlauben zusätzlich, Pads und Effekte der Software direkt am Mixer zu steuern.
Mixer mit DVS-Unterstützung
Früher brauchte jedes DVS eine eigene Interface-Box zwischen Plattenspieler, Laptop und Mixer. Heute haben viele Mixer – vor allem Battle-Mixer – das Interface eingebaut. Du verbindest den Laptop dann per USB mit dem Mixer, und die Plattenspieler bleiben ganz normal an den Phono-Eingängen. Beispiele sind der DJM-S11 und der Rane Seventy. Ein Vorteil: Ein zweiter DJ kann sein eigenes DVS am selben Mixer nutzen, oft über einen zweiten USB-Anschluss.
Kurze Geschichte
2001
Das erste DVS
Ein System mit Timecode-Platten und externer Interface-Box kommt auf den Markt, zunächst noch mit Problemen bei Latenz und Stabilität.
2004
Durchbruch
Ein zuverlässigeres System mit eigener Interface-Box wird schnell zum Standard bei Scratch- und Club-DJs.
2010er
Interface im Mixer
DJ-Mixer mit eingebauter DVS-Unterstützung machen die separate Box überflüssig.
Die Geschichte beider Pioniere steht im Archiv: Final Scratch und Serato Scratch Live. Passende Plattenspieler findest du unter DJ-Plattenspieler.
Häufige Fragen zu DVS (Digital Vinyl System)
Was ist ein DVS?
DVS steht für Digital Vinyl System. Du legst eine Timecode-Platte auf einen normalen Plattenspieler, und eine DJ-Software liest aus dem Signal Tempo, Richtung und Position. Damit steuerst du digitale Musikdateien so, als lägen sie auf der Platte. Du brauchst dazu ein passendes Audio-Interface oder einen Mixer mit DVS-Unterstützung.
Was braucht man für DVS?
Du brauchst zwei Plattenspieler oder DJ-Player, passende Timecode-Platten oder -CDs, ein DVS-fähiges Audio-Interface oder einen Mixer mit eingebauter DVS-Unterstützung, eine DJ-Software mit DVS-Funktion und einen Laptop. Software, Interface und Timecode müssen zueinander passen.
Was ist der Unterschied zwischen Absolut- und Relativ-Modus?
Im Absolut-Modus entspricht die Nadelposition auf der Platte der Position im Track, wie bei echtem Vinyl. Im Relativ-Modus wertet die Software nur Tempo und Richtung aus. Dann kannst du Hot Cues, Loops und Beat Jumps nutzen, und eine springende Nadel bringt den Track nicht durcheinander.
Kann man mit DVS auch CDJs nutzen?
Ja. Statt Timecode-Platten spielen die Player Timecode-CDs oder Timecode-Dateien von einem USB-Stick ab. Das Signal geht dann über die Line-Eingänge des Interfaces oder Mixers an die Software. Das Prinzip ist dasselbe, nur bewegst du statt der Platte das Jogwheel.
Warum springt mein Track bei DVS?
Meist liegt es am Signal: Die Nadel ist verschmutzt oder verschlissen, die Timecode-Platte an der Stelle abgenutzt, die Plattenspieler schwingen durch Bass mit, oder der Eingangspegel stimmt nicht. Im Absolut-Modus folgt der Track jedem Nadelsprung. Der Relativ-Modus ist deutlich toleranter.
Welche DJ-Software unterstützt DVS?
Die großen DJ-Programme bieten DVS an, teils als kostenpflichtige Erweiterung oder in einem bestimmten Abo. Welche Timecodes, Interfaces und Mixer jeweils unterstützt werden, unterscheidet sich. Prüf vor dem Kauf von Mixer oder Interface auf der Seite des Software-Herstellers, ob deine Kombination offiziell freigegeben ist.