DJ-Glossar · Performance & Scratching
Scratching
Auch: Scratchen, Scratch, Scratches, Scratch-Technik, Scratch-DJing
Scratching heißt, eine Platte oder ein Jogwheel rhythmisch vor und zurück zu bewegen und den Klang mit dem Crossfader zu formen – Kern des Turntablism.
von Mario Kernich· 7 Min. Lesezeit
Scratching bezeichnet die Technik, eine Platte – oder ein Jogwheel beziehungsweise eine Timecode-Platte – rhythmisch unter der Nadel vor und zurück zu bewegen und den entstehenden Klang mit dem Crossfader zu formen. Eine Hand bewegt die Platte und erzeugt den Ton, die andere öffnet und schließt den Fader und bestimmt, welche Teile davon zu hören sind. So wird der Plattenspieler vom Abspielgerät zum Instrument.
Scratching ist im Hip-Hop entstanden und bis heute die Grundlage des Turntablism. Kurze Scratches gehören aber auch in viele Open-Format- und Club-Sets, etwa als Übergang oder Akzent.
So entsteht ein Scratch
Die Nadel liest die Rille immer gleich – egal, ob die Platte vorwärts oder rückwärts läuft. Bewegst du die Platte schneller als normal, klingt der Ausschnitt höher, langsamer klingt er tiefer, rückwärts klingt er gespiegelt. Ein Scratch ist also nichts anderes als ein kurzer Ausschnitt, den du mit der Hand in Tempo, Richtung und Rhythmus „spielst“.
Zwei Dinge bestimmen den Klang:
- Die Platten-Hand: Länge, Tempo und Richtung der Bewegung. Lange, langsame Züge klingen anders als kurze, schnelle.
- Die Fader-Hand: Mit dem Crossfader (oder dem Kanalfader) schaltest du den Ton an und aus. So entscheidest du, ob du beide Richtungen hörst, nur eine oder nur Bruchstücke.
Gescratcht werden meist kurze, prägnante Sounds: ein Vokal wie „Ahh“, ein Wort, ein Bläserstoß, eine Snare. Es gibt eigens dafür gepresste Scratch-Platten mit vielen solchen Samples, im digitalen Setup lädst du einfach eine Datei mit dem gewünschten Sound.
Scratch-Notation lesen
Die Grafik oben zeigt eine verbreitete Art, Scratches aufzuschreiben: Die Linie stellt die Position der Platte über der Zeit dar – nach oben heißt vorwärts, nach unten zurück. Dicke Abschnitte sind hörbar, weil der Fader offen ist, gestrichelte sind stumm. Darunter siehst du, wann der Fader offen steht. Jede Technik in diesem Glossar hat eine eigene Grafik in dieser Darstellung.
Die wichtigsten Scratch-Techniken
| Technik | Platte | Fader | Klang |
|---|---|---|---|
| Baby Scratch | vor und zurück | bleibt offen | beide Richtungen, die Grundbewegung |
| Forward Scratch | vor (hörbar), zurück (stumm) | schließt auf dem Rückweg | nur die Vorwärtsbewegung |
| Tear Scratch | eine Bewegung in zwei Teilen | offen | zweigeteilter, „gerissener“ Ton |
| Chirp | vor und zurück | schließt vorn, öffnet zurück | kurzes „Zirpen“ |
| Transformer | langsam | schnelle, kurze Öffnungen | zerhackter, roboterhafter Ton |
| Flare | vor und zurück | grundsätzlich offen, kurze Klicks zu | geteilter Ton, sehr flüssig |
| Crab | langsam | vier Finger klicken in schneller Folge | sehr schnelle Ton-Folge |
| Scribble | sehr kurze, zitternde Bewegungen | offen | schnarrendes Vibrato |
Dazu kommen Varianten wie Drags (sehr langsame Bewegungen), Stabs (kurze, harte Vorwärtsstöße) und Orbits (eine Technik vor und wieder zurück als Einheit). Fortgeschrittene Scratches kombinieren mehrere Grundtechniken zu Combos.
Eine kurze Geschichte
Mitte 1970er
Entdeckung in der Bronx
Als Erfinder des Scratchings gilt Grand Wizzard Theodore, der als Jugendlicher eine Platte unter der Nadel festhielt und hin und her bewegte.
1983
Durchbruch im Pop
Herbie Hancocks „Rockit“ mit den Scratches von Grand Mixer D.ST (später DXT) bringt Scratching einem weltweiten Publikum nahe.
1985 und 1986
DJ-Battles
Die DMC World DJ Championships starten; ab 1986 werden Scratches zum festen Teil der Battle-Routinen.
1990er
Turntablism
Crews entwickeln Techniken wie Flare, Crab und Beat Juggling systematisch weiter, der Begriff Turntablism setzt sich durch.
2000er bis heute
Digitale Decks
DVS mit Timecode-Vinyl und Controller mit großen Jogwheels machen Scratching mit digitaler Musik möglich.
Wettbewerbe wie die DMC World DJ Championships sind bis heute die wichtigste Bühne für Scratch-Kunst.
Das richtige Equipment
Plattenspieler oder Controller
Klassisch scratchst du auf Plattenspielern mit Direktantrieb: Sie laufen schnell an, halten das Tempo stabil und vertragen ständiges Anhalten. Zwischen Teller und Platte liegt eine glatte Slipmat, damit die Platte rutscht, während der Teller weiterdreht. Wichtig sind außerdem ein Tonabnehmer, der auch bei heftigen Bewegungen in der Rille bleibt, und die richtige Auflagekraft.
Die meisten Scratch-DJs spielen heute mit DVS: Timecode-Platten steuern die DJ-Software, sodass du jede Datei scratchen kannst, ohne echte Platten abzunutzen. Alternativ gibt es Controller mit großen oder motorisierten Jogwheels, die sich wie ein Plattenteller anfühlen.
Mixer und Crossfader
Für Scratching brauchst du einen Crossfader, der leichtgängig ist und sofort öffnet. Ein Battle-Mixer ist genau dafür gebaut: zwei Kanäle, viel Platz rund um den Crossfader, oft kontaktlose Fader, die Millionen Bewegungen aushalten. Diese Einstellungen sind wichtig:
- Fader-Kurve: möglichst scharf, sodass der Ton schon nach einem Millimeter voll da ist – siehe Fader-Kurve.
- Cut-in: der Weg, bis der Fader öffnet; für Scratching so kurz wie möglich.
- Richtung: Normal oder umgekehrt im Hamster-Stil.
Software-Einstellungen
Schalte Key Lock für das gescratchte Deck aus, sonst klingen Scratches digital zerhackt. Im Slip-Modus läuft der Track unter dem Scratch weiter – praktisch, wenn du über einen laufenden Beat scratchst.
Haltung und Handtechnik
- Platten-Hand: Die Fingerspitzen liegen locker am Rand des Labels oder auf der Rille, nicht die ganze Handfläche. Die Bewegung kommt aus dem Handgelenk, nicht aus dem Arm. So bleibst du schnell und ermüdest nicht.
- Fader-Hand: Daumen auf der einen Seite des Crossfader-Knopfs, Zeige- und Mittelfinger auf der anderen. Für Klick-Techniken wie den Flare federt der Daumen den Fader zurück, beim Crab tippen die Finger nacheinander gegen den Daumen.
- Stand: Mixer und Plattenspieler auf Hüft- bis Bauchhöhe, Schultern locker. Eine zu niedrige Booth geht beim Üben schnell in den Rücken.
- Welche Hand macht was? Das ist Geschmackssache. Viele scratchen mit der dominanten Hand am Fader, weil dort die feinere Motorik gefragt ist. Wer auf beiden Seiten scratchen kann, ist in Routinen flexibler.
Scratching lernen: Schritt für Schritt
- Setup einrichten: Crossfader-Kurve scharf, Plattenspieler im Battle-Stil gedreht (Tonarm von dir weg), damit die Hand frei arbeiten kann.
- Sample markieren: Setz einen Sticker oder Cue auf den Anfang des Sounds, damit du ihn sofort wiederfindest.
- Baby Scratch: Nur die Platten-Hand, Fader offen. Übe gleichmäßige Bewegungen im Takt eines Beats.
- Forward und Backward: Jetzt kommt die Fader-Hand dazu und schaltet eine Richtung stumm.
- Chirp und Transformer: Die Hände arbeiten gleichzeitig und unabhängig.
- Flare und Combos: Erst wenn die Grundtechniken sitzen, kommen Klick-Techniken und Kombinationen.
Übe immer zu einem Beat. Ein Scratch, der nicht im Takt sitzt, klingt nach Fehler, nicht nach Technik. Strukturierte Übungen bieten Online-Kurse wie Scratching für Controller-DJs.
Scratching im normalen DJ-Set
Auch ohne Battle-Ambitionen lohnt sich ein Grundrepertoire. Ein paar Baby Scratches oder Chirps auf dem ersten Wort des nächsten Tracks sind ein klassischer Einstieg im Hip-Hop und Open Format. Wie das als kompletter Übergang klingt, zeigt die Anleitung Scratch-In.
Takt 1 von 8 · Schlag 1 · 92.0 BPM
Deck A · Hip-Hop
Hook Kick · Drums · Bass · Melodie
Deck B · Hip-Hop (zweiter Track)
Hook Kick · Drums · Bass · Melodie
Lautstärke (Kanalfader)
Deck A Deck B EffekteWellenform: Original-Wellenform des Tracks, unabhängig von Fader, EQ und Effekten, kräftige Farbe = Bass · Gestrichelte Blöcke: Teil des Tracks ohne alle Spuren · Klick in die Zeitleiste springt dorthin
Mixer bei Takt 1
Deck A
Hip-Hop
92.0 BPM · Hook
Deck B
Hip-Hop
92.0 BPM · bereit (Cue)
Schritt für Schritt
Klangbeispiele aus selbst synthetisierten Loops, ohne Samples. Echte Tracks haben mehr Details. Den Bass-Tausch hörst du am besten mit Kopfhörern oder Boxen mit Tiefgang.
Typische Fehler
- Nadel springt: Zu wenig Auflagekraft, zu viel Druck auf die Platte oder ein ungeeigneter Tonabnehmer. Auf DVS-Setups ist das genauso ärgerlich, weil die Software den Timecode verliert.
- Zu fest gedrückt: Die Platte soll gleiten, nicht gegen den Teller gepresst werden. Leichte Hand, lockeres Handgelenk.
- Weiche Fader-Kurve: Damit klingen Cuts verwaschen statt knackig.
- Ohne Takt: Scratches, die nicht auf den Beat passen, wirken unsicher.
- Zu viel im Club-Set: Was in der Battle-Routine beeindruckt, kann auf einer House-Tanzfläche stören. Dosier es nach Publikum.
Für Einsteiger und Fortgeschrittene
Einsteiger brauchen keinen Battle-Mixer, um anzufangen: Jeder Controller mit ordentlichem Jogwheel reicht für Baby Scratch, Forward und Chirp. Wichtig ist tägliche, kurze Übung zum Beat.
Fortgeschrittene arbeiten an Geschwindigkeit, Präzision und Combos, stellen eigene Scratch-Samples zusammen und spielen Routinen, in denen Scratches, Juggles und Übergänge nahtlos ineinandergreifen.
Häufige Fragen zu Scratching
Was ist Scratching?
Scratching ist eine DJ-Technik, bei der du eine Platte oder ein Jogwheel rhythmisch vor und zurück bewegst und den Klang mit dem Crossfader formst. Eine Hand erzeugt den Ton durch die Bewegung, die andere schaltet ihn mit dem Fader an und aus. Scratching stammt aus dem Hip-Hop und ist die Basis des Turntablism.
Wer hat das Scratching erfunden?
Als Erfinder gilt Grand Wizzard Theodore, der Mitte der 1970er-Jahre in der Bronx eine Platte unter der Nadel hin und her bewegte und den Klang musikalisch nutzte. Bekannt wurde Scratching weltweit vor allem 1983 durch Herbie Hancocks Rockit mit Grand Mixer D.ST an den Plattenspielern.
Kann man auf einem DJ-Controller scratchen?
Ja. Controller mit ausreichend großen, berührungsempfindlichen Jogwheels eignen sich für die Grundtechniken. Für ernsthaftes Scratching sind große oder motorisierte Jogwheels und ein leichtgängiger Crossfader wichtig. Viele Scratch-DJs nutzen ein DVS-Setup mit Plattenspielern und Timecode-Vinyl.
Welchen Scratch sollte ich zuerst lernen?
Den Baby Scratch. Dabei bewegst du nur die Platte vor und zurück, der Fader bleibt offen. Er trainiert das Gefühl für Tempo und Rhythmus der Platten-Hand. Danach folgen Forward Scratch und Chirp, bei denen die Fader-Hand dazukommt, und später Transformer und Flare.
Was brauche ich zum Scratchen?
Klassisch zwei Plattenspieler mit Direktantrieb, Slipmats, scratchtaugliche Tonabnehmer und einen Battle-Mixer mit leichtgängigem Crossfader. Heute spielen viele mit DVS und Timecode-Platten. Zum Einstieg reicht auch ein Controller mit gutem Jogwheel, auf dem du die Grundtechniken üben kannst.